Was unterscheidet Leichte von Einfacher Sprache? In diesem Beitrag erklären wir Standards (DIN SPEC 33429), stellen interne Checklisten sowie die Praxis von Prüfgruppen für Leichte Sprache vor.
- Was ist Leichte Sprache, was ist Einfache Sprache, was ist barrierefreie Sprache?
- Welche Regeln gelten bei Mosaik für inklusive Texte?
- Wie arbeitet eine Prüfgruppe für Leichte Sprache?
- Warum setzen wir bei Mosaik bewusst hohe Maßstäbe?
- Was bedeuten WCAG und BITV 2.0?
Warum Sprache ein Inklusionsthema ist
Ein sehr wichtiger Aspekt von Inklusion ist die passende Sprache. Darum schauen wir uns in diesem Beitrag an, was inklusive Sprache ist und wie wir sie bei Mosaik leben.
Im Alltag hat jeder Mensch seinen eigenen Sprachstil und glaubt meist, allgemeinverständlich zu sprechen. Im Sinne der Inklusion kann das funktionieren, muss es aber nicht. Manchmal ist es sogar kontraproduktiv. Denn bei Verständlichkeit, wie sie in diesem Beitrag gemeint ist, geht es nicht nur um einfache Worte, sondern auch um sprachliche Präzision.
Je leichter verständlich ein Text sein soll, desto exakter muss an ihm gearbeitet werden. Nur so lässt sich erreichen, dass er für Menschen gut verständlich ist, die besonders auf klare Sprache angewiesen sind.
Als Dienstleister für Menschen mit Behinderungen haben wir deshalb konsequente Maßstäbe für die Nutzung Einfacher Sprache entwickelt. Diese stellen wir hier vor. Außerdem berichtet eine Kollegin von ihren Erfahrungen in einer Prüfgruppe für Leichte Sprache.
Vielleicht ist Ihnen schon etwas aufgefallen: Wir sprechen sowohl von Leichter Sprache als auch von Einfacher Sprache. Die Begriffe klingen ähnlich, meinen aber nicht dasselbe.
Beide Sprachvarianten dienen der Inklusion. Sie bieten Texte in einer besonders gut verständlichen Form an, die ursprünglich in Standardsprache verfasst wurden – so wie dieser Beitrag. Dennoch ist die Unterscheidung wichtig. Deshalb klären wir im Folgenden die Unterschiede. Außerdem kommt ein dritter Begriff hinzu: barrierefreie Sprache.
Leichte Sprache, Einfache Sprache, barrierefreie Sprache
Die Unterschiede lassen sich knapp so zusammenfassen:
MerkmalLeichte SpracheEinfache SpracheBarrierefreie SpracheRegelwerkDIN SPEC 33429keine strikte NormBITV 2.0 / WCAGZielgruppez. B. Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen,funktionale Analphabeten, Menschen mit
Legasthenie, demenzerkrankte Menschen,
Menschen mit Basis-Deutschalle, mit Fokus auf technische ZugänglichkeitPrüfungPrüfung durch die Zielgruppe erforderlichempfohlen, aber nicht vorgeschriebentechnischer CheckSatzbauextrem simpel (Subjekt - Prädikat - Objekt)einfach, kurze NebensätzeFokus auf Struktur und Nutzbarkeit
Die Tabelle zeigt die Grundlinien, kann aber nur ein Einstieg sein. Manche Begriffe bleiben darin abstrakt. Deshalb erläutern wir die drei Bereiche noch einmal in Textform.
1. Leichte Sprache
Leichte Sprache ist die am stärksten geregelte Form. Sie richtet sich vor allem an Menschen mit Lernschwierigkeiten, Demenz oder prälingualer Gehörlosigkeit – also Gehörlosigkeit, die schon vor dem mündlichen und schriftlichen Spracherwerb bestanden hat. Seit 2023 gibt es mit der DIN SPEC 33429 erstmals offizielle Empfehlungen, um Qualität und Einheitlichkeit zu sichern.
Zu den wichtigsten Merkmalen gehören:
- nur ein Gedanke pro Satz,
- kein Passiv, kein Genitiv, möglichst keine Nebensätze,
- kurze, bekannte Wörter,
- keine Metaphern oder Ironie,
- Prüfung durch Menschen aus der Zielgruppe,
- große Schrift, hoher Kontrast und unterstützende Bilder oder Piktogramme.
Ein Text darf nur dann als Leichte Sprache gekennzeichnet werden, wenn er von Prüfleserinnen und Prüflesern aus der Zielgruppe auf Verständlichkeit geprüft wurde.
2. Einfache Sprache
Einfache Sprache ist weniger streng geregelt. Sie bewegt sich ungefähr auf dem Sprachniveau A2 bis B1 des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens. Sie richtet sich unter anderem an Menschen, deren Erstsprache nicht Deutsch ist, oder an Menschen mit geringer Schriftsprachkompetenz.
Im Unterschied zur Leichten Sprache gilt:
- kurze Nebensätze sind möglich,
- der Wortschatz darf etwas umfangreicher sein,
- Fachbegriffe sollten vermieden oder direkt erklärt werden,
- eine Prüfung durch die Zielgruppe ist sinnvoll, aber nicht vorgeschrieben.
Viele Behörden, Medien und Institutionen nutzen Einfache Sprache, um Hürden abzubauen, ohne Texte zu stark zu vereinfachen.
3. Barrierefreie Sprache
Barrierefreie Sprache ist der übergeordnete Begriff. Er umfasst nicht nur sprachliche Verständlichkeit, sondern auch technische Zugänglichkeit. Ein Text ist erst dann wirklich barrierefrei, wenn er auch von Assistenz-Technologien wie Screenreadern korrekt verarbeitet werden kann.
Dazu gehören zum Beispiel:
- eine klare Überschriftenstruktur,
- Alternativtexte für Bilder,
- korrekt ausgezeichnete Listen und Tabellen,
- semantisch saubere Programmierung.
So arbeiten wir bei Mosaik mit inklusiver Sprache
Wie gehen wir nun mit diesen Anforderungen um?
Auf unserer Website können Texte in Einfacher Sprache angezeigt werden. Rechts oben lässt sich zwischen Standardsprache und Einfacher Sprache wechseln. Zusätzlich gibt es eine Vorlesefunktion. Die Inhalte sind damit nicht nur verständlicher, sondern auch technisch besser zugänglich.
Ein Hinweis dazu: Auf der Website werden längere Wörter bislang meist noch mit Binde-Strich getrennt. Im Printbereich nutzen wir inzwischen überwiegend den Medio·punkt.
Aber wie definieren wir bei Mosaik Einfache Sprache konkret? Dafür gibt es interne Kriterien. Sie zeigen, dass wir hier sehr konsequent arbeiten:
ThemaKurzregelZielSchnell verständlich. Hauptbotschaft zuerst. Texte bei Bedarf kürzen.W-Fragen zuerstWas? Wann? Wo? Warum wichtig? Immer am Anfang.Kurze SätzeEin Satz = ein Gedanke. 8–12 Wörter.Aktiv schreibenKlar sagen, wer etwas tut. Keine Passivformen.Einfache WörterFachsprache vermeiden oder ersetzen.Schwierige Wörter erklärenSofort erklären, direkt im Text.MediopunkteLange Wörter trennen: Sommer·fest, Arbeits·platz.GendernStandard: männliche Form. Doppelnennung nur bei Wertschätzung.ZahlenImmer Zahl + Wort: 3 Tage, 5 Euro.Kurze Absätze2–3 Sätze pro Absatz. Neuer Gedanke = neuer Absatz.Keine AbkürzungenAlles ausschreiben.Zeit klar benennenKonkrete Angaben statt unklarer Zeitbezüge.Freundlicher TonPositiv formulieren, keine unnötige Schärfe.Bilder erklärenJede Abbildung braucht eine Bildunterschrift.Text kürzenUnwichtiges streichen. Klarheit vor Länge.Abschluss-CheckW-Fragen? Kurze Sätze? Erklärte Wörter? Mediopunkte? Freundlicher Ton?Diese Kriterien zeigen: Wir verstehen Einfache Sprache sehr anspruchsvoll. In vielen Punkten liegt dieser Standard bereits nahe an den Anforderungen der Leichten Sprache.
Das ist ein bewusst hoher Maßstab. Er macht Texte leichter lesbar – und die Arbeit an ihnen anspruchsvoller.
Wenn Verständlichkeit geprüft wird: die Prüfgruppen bei Mosaik
Besonders konkret wird sprachliche Inklusion in den Prüfgruppen für Leichte Sprache. Wir haben zwei solcher Prüfgruppen mit jeweils drei Beschäftigten. Sie arbeiten mit einer externen Agentur zusammen, die Texte in Leichter Sprache erstellt und prüfen lässt.
Eine Kollegin berichtet von ihrer Erfahrung:
„Die Leichte Sprache und ich“
Im Dezember letzten Jahres habe ich in der Betriebsstätte Spandau kurzfristig jemanden vertreten, der zusammen mit zwei weiteren Werkstattbeschäftigten einen Text, der bereits in Leichter Sprache verfasst war, durchlesen sollte, um zu prüfen, ob der Inhalt verständlich ist.
Ich habe das Angebot gerne angenommen, weil ich mir schon oft die Frage gestellt habe, wie eigentlich Texte in Leichter Sprache entstehen.
In dem Text ging es darum, dass im Spektepark in Spandau ein Naturlabyrinth entstehen soll. Hier sollen Menschen die Möglichkeit haben, spazieren zu gehen und über Dinge nachzudenken. Im Text werden auch Vorschläge dazu gemacht, welche anderen Aktivitäten man dort durchführen könnte. Beispielsweise, wie viele Schritte man von einem Ende des Labyrinths bis zum anderen Ende braucht.
Jeder von uns hat immer einen Absatz des Textes vorgelesen und anschließend haben wir mit Lydia Herms, der externen Moderatorin, den Inhalt besprochen. Haben wir verstanden, was gemeint war, oder nicht? Könnte es später beim Lesen für andere Personen Missverständnisse geben, und wenn ja, wie kann das verhindert werden?
Als wir nach über einer Stunde das Ende des Textes erreicht hatten, waren viele Änderungsvorschläge zusammengekommen, denn so manches war in diesem Text trotz Leichter Sprache nicht wirklich leicht zu verstehen. Es könnte sogar falsch verstanden werden.
Man sieht also: Auch Leichte Sprache hat so ihre Stolperfallen, denn nicht immer ist es leicht, die richtigen Worte zu finden.
Sabine Zobel
Dieser Erfahrungsbericht zeigt sehr anschaulich, wie anspruchsvoll gute Verständlichkeit in der Praxis ist. Leichte Sprache ist kein „einfaches Umschreiben“, sondern präzise Arbeit an jedem Satz.
In einer späteren Rückmeldung beschrieb die Kollegin die Erfahrung noch einmal so: Selbst ein bereits vereinfachter Text könne noch Passagen enthalten, die weiter aufgedröselt werden müssten – Satz für Satz. Für Menschen, die Alltagssprache gewohnt sind, sei das oft anstrengender, als man zunächst denke.
Leichte Sprache ist also nicht nur hilfreich, sondern auch anspruchsvoll – für Prüfgruppen ebenso wie für Autorinnen und Autoren.
Warum wir uns bei Mosaik hohe Maßstäbe setzen
Gerade deshalb halten wir unsere Maßstäbe für richtig.
Texte bei Mosaik richten sich an Menschen mit sehr unterschiedlichen Sprachkompetenzen: in Werkstätten, Inklusionsunternehmen, Außenarbeitsplätzen, begleiteten Arbeitsplätzen des allgemeinen Arbeitsmarkts und im Beschäftigungs- und Förderbereich. Unsere Inklusionssprache soll möglichst viele von ihnen erreichen.
Darum orientieren sich unsere internen Regeln nicht am Minimum, sondern an einem hohen Standard. Sie machen deutlich, dass wir Inklusion umfassend verstehen.
Warum bezeichnen wir unsere Sprachversion trotzdem nicht einfach als Leichte Sprache?
Der Grund ist pragmatisch: Nicht alle Texte können durch Prüfgruppen geprüft werden. Das wäre im Alltag eines großen Unternehmens mit vielen Veröffentlichungen kaum leistbar. Damit ein Text offiziell als Leichte Sprache gelten kann, braucht es aber genau diese Prüfung.
Als Einfache Sprache sind unsere Texte korrekt bezeichnet. Gleichzeitig bleibt uns die Möglichkeit offen, in begründeten Fällen etwas flexibler zu formulieren – etwa wenn Abkürzungen erklärt oder Begriffe in Klammern ergänzt werden sollen. Das kann informativer sein und den Sprachfluss verbessern.
Die Entscheidung für den Begriff Einfache Sprache ist also nicht nur Bescheidenheit. Sie hat auch mit Handhabbarkeit, Genauigkeit und Ernsthaftigkeit zu tun.
Sprache als Werkzeug der Inklusion
Leichte Sprache mag für Schreibende manchmal wie schwere Arbeit wirken. Für viele Leserinnen und Leser ist sie jedoch ein wichtiges Werkzeug der Orientierung. Sie hilft dabei, sich in der Welt der Texte besser zurechtzufinden.
Und sie hilft auch denjenigen, die Texte verfassen. Denn die Regeln orientieren sich an wissenschaftlichen Erkenntnissen darüber, wie Menschen Sprache verarbeiten – darunter auch Menschen mit Behinderungen.
Wir sind keine Behörde und nicht verpflichtet, diese Standards anzuwenden. Aber wir nutzen sie bewusst. Weil gute Verständlichkeit ein Teil von Inklusion ist.
Begriffsklärung: WCAG und BITV 2.0
Zum Schluss noch zwei Abkürzungen aus dem Bereich technischer Barrierefreiheit.
WCAG
WCAG steht für Web Content Accessibility Guidelines. Das sind internationale Richtlinien für barrierefreie Webinhalte.
Sie beschreiben, wie Websites aufgebaut sein müssen, damit sie für möglichst alle Menschen nutzbar sind. Die vier Grundprinzipien sind:
- Wahrnehmbar – Inhalte müssen gesehen oder gehört werden können.
- Bedienbar – Seiten müssen auch ohne Maus nutzbar sein.
- Verständlich – Sprache und Bedienung sollen nachvollziehbar sein.
- Robust – Seiten sollen mit verschiedenen Geräten und Hilfsmitteln funktionieren.
BITV 2.0
BITV 2.0 steht für Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung. Sie ist die deutsche rechtliche Umsetzung barrierefreier digitaler Angebote.
Sie verpflichtet öffentliche Stellen dazu, ihre Websites und digitalen Anwendungen barrierefrei zu gestalten. Grundlage dafür sind europäische Normen, die sich eng an den WCAG orientieren.
Kurz gesagt:
- WCAG ist das internationale Regelwerk,
BITV 2.0 setzt diese Anforderungen in Deutschland verbindlich um.
Hier gibt es den Text in Einfacher Sprache
Über die Autoren
Thomas Hocke schreibt, seit er als 13-Jähriger seine ersten Kurzgeschichten ausprobierte, und arbeitet seit vielen Jahren regelmäßig an Texten. Er leitete eine Online-Schreibgruppe, veröffentlichte über mehrere Jahre Kurzgeschichten und nimmt bis heute an Schreibprojekten teil. Außerdem betreibt er ein privates Weblog zu Politik und Kultur. Nach einem Berufswechsel in die Öffentlichkeitsarbeit arbeitet er seit 2025 bei Mosaik und ist Teil unseres Blog-Teams.
Sabine Zobel arbeitet seit vielen Jahren bei Mosaik und bringt ihre eigene Perspektive auf Menschen, Arbeit und Gesellschaft in ihre Texte ein. Nach verschiedenen beruflichen Stationen und Weiterbildungen kam sie 2013 zu Mosaik, wo sie zunächst in unterschiedlichen Werkstattgruppen tätig war. Seit 2024 arbeitet sie auf einem Außenarbeitsplatz in der Öffentlichkeitsarbeit. Dort schreibt sie für den Blog, das Mosaik Magazin und die Inhouse-Zeitung Mosaik Aktuell. Besonders wichtig ist ihr, Arbeitsalltag sichtbar zu machen und Themen verständlich, authentisch und nah an den Menschen aufzubereiten.
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